Interview mit Artem Masorin

M. A. Lighting Design, M. Eng.

Artem Masorin ist 30 Jahre alt und kommt aus Moskau, Russland. Er hat einen Masterabschluss in “Computer aided Design and Engineering” sowie in “Architectural Lighting Design and Lighting Management”. Seit April 2019 arbeitet er für die CUT Gruppe in Heidelberg, Deutschland. Heute erzählt er uns über seinen Werdegang und seine Arbeit als Lighting Designer. Wir haben das Interview auf Englisch geführt, da Artem aktuell noch dabei ist Deutsch zu lernen.

Artem arbeitet für die CUT Gruppe in Heidelberg:

Die CUT Gruppe ist ein Ingenieurbüro für Licht, Medien und Design mit Sitz in Heidelberg und ist bereits seit 1985 in der Branche aktiv. Ihr Team aus kreativ- und querdenkenden Ingenieuren und Designern unterschiedlicher Disziplinen verfügt über ein breit gefächertes Fachwissen, sowie jahrzehntelange Erfahrung in erfolgreicher Projektarbeit im Licht- und Medientechnikbereich. Dabei liegt das Augenmerk gleichermaßen auf Nutzbarkeit sowie Wirtschaftlichkeit und Effizienz.

Artem, wie hast Du Deine Karriere gestartet?

Ich habe mein erstes Studium im Fach „Computer aided Design and Engineering“ an der Bauman Moscow State Technical University gemacht. Währenddessen absolvierte ich ein Auslandsemester in Dänemark an der Technical University of Denmark. Dort habe ich eher zufällig den Kurs „Daylighting Modelling“ gewählt und mich dabei in das Thema Beleuchtung mit all seinen Facetten verliebt. Nach meinem Auslandsaufenthalt bin ich zurück nach Moskau, um mein Studium abzuschließen.

Hast Du danach gleich das Arbeiten angefangen?

Ja, ich habe einen Job als Lighting Engineer in Moskau gefunden. Die Firma, für die ich damals tätig war, hat sich hauptsächlich mit Stadt- und Fassadenbeleuchtungen in Moskau beschäftigt. Nachdem mich die Themen Architektur und Sustainable Engineering nach wie vor sehr interessierten, habe ich mich nach etwa einem Jahr zum Weiterstudieren entschieden. Ich schrieb mich für das Fernstudium „Architectural Lighting Design and Lighting Management“ an der Universität Wismar ein und arbeitete währenddessen als Freelancer in Moskau weiter.
2015 gründete ich mein eigenes Studio.

Wie ging es nach Deinem zweiten Studium weiter?

2016 hatte ich dann meinen zweiten Masterabschluss in der Tasche und überlegte, was ich als nächstes tun möchte. Ich entschied mich weiter für die Selbstständigkeit und betrieb damit das erste unabhängige Lighting Design Studio Russlands. Das Studio war dann bis März 2019 mein Hauptberuf.

Wie bist Du zu dem Entschluss gekommen, in Deutschland zu arbeiten?

Ich und meine Frau dachten immer daran, einige Zeit im Ausland zu leben und vor kurzem bekam sie die Gelegenheit, ihren Master in Frankfurt am Main zu machen. Wir waren schon einige Male in Deutschland und haben die Kultur und das Leben hier sehr genossen und sind dann letztlich zu dem Entschluss gekommen, hierher zu ziehen. Anfangs bin ich viel zwischen Moskau und Frankfurt gereist, da ich ja noch mein Studio hatte. Ich wusste jedoch, dass das nicht ewig so weitergehen kann.

Meine Kollegen sagen gern „Was auf dem Papier steht, bleibt im Projekt“

Zu welchem Entschluss bist Du dann gekommen?

Ursprünglich wollte ich meine Doktorarbeit in Deutschland schreiben, habe parallel aber auch nach Jobs gesucht. So bin ich auf die Stellenausschreibung der CUT Gruppe gestoßen und bewarb mich auf die Stelle. In den Bewerbungsgesprächen konnte ich sie von mir überzeugen, weshalb ich dort nun seit April 2019 arbeite.

Was ist dort Deine Aufgabe?

Ich arbeite als Lichtplaner und entwickle Lichtkonzepte für diverse Projekte. Ich muss hier nach deutschem HOAI*-Standard arbeiten, der ziemlich anders und viel bürokratischer ist als in Russland, aber das gefällt mir. Meine Kollegen sagen gern „Was auf dem Papier steht, bleibt im Projekt“, die ganze Dokumentation hat zudem den Vorteil, dass alle Beteiligten immer auf dem aktuellen Stand sind.

*HOAI: Honoraranordnung für Architekten und Ingenieure

Wie läuft denn so ein Projekt in der Regel ab?

In der Regel erhalten wir eine Anfrage eines Architekten, es kann jedoch auch vorkommen, dass wir uns für ein Projekt aktiv bewerben. Der erste Schritt meiner Arbeit ist die Analyse der Situation. Was ist die Anforderung des Auftraggebers, was für eine Geschichte hat das Objekt, wie verhält sich das Tageslicht, welche Beleuchtung eignet sich für die diversen Ansprüche? Aus diesen Fragen ergibt sich die Aufgabenstellung, die ich dann in all seinen Aspekten löse. Ich erarbeite also ein Konzept und daraus ein Beleuchtungsdesign. Dabei stehe ich stets in engem Austausch mit den Architekten und Bauherren.

Was musst Du in diesem Konzept alles beachten?

Einerseits natürlich die bereits genannten Faktoren, andererseits muss es aber auch finanziell im Rahmen des Auftraggebers bleiben. Ein Konzept braucht auch immer ein Thema, das es zusammenhält. Das variiert zwischen den Projekten stark. In einem Bürogebäude geht es primär um die Themen „Human Centric Lighting“ und die optimale Ausleuchtung von Arbeitsplätzen, während man in einem Stadtpark schon einen kreativeren Ansatz verfolgen kann. Hier wären beispielsweise Lichtkonzepte basierend auf Märchen oder ähnliches denkbar. Wenn wir dann ein schlüssiges Konzept erarbeitet haben, präsentieren wir es beim Auftraggeber. Ist dieser damit zufrieden und segnet es ab, gehen die Planungen mit dem Architekten weiter. Wenn dann der finale Bau- und Elektroplan steht, kann das Projekt in die Bauphase übergehen.

Was machst Du während dieser Phase?

Wir sind hier in der Rolle des Supervisors aktiv. Wenn während der Installation Fragen oder Komplikationen auftreten, dann stehen wir beratend zur Verfügung.

Bist Du dabei vor Ort oder funktioniert das Remote?

Das kommt ganz darauf an. Meistens lassen sich Probleme remote lösen, aber in manchen Fällen muss man auch mal vor Ort sein. Wir hatten beispielsweise ein Projekt, bei dem es Komplikationen mit einer sehr kostspieligen Lichtinstallation gab. Die Ausleuchtung war nicht so optimal wie geplant und den Grund dafür konnten wir auf den Fotos nicht ausmachen und mussten uns das Problem vor Ort ansehen. Dort konnten wir das Problem identifizieren und lösen.

Eines meiner persönlichen Lieblingsprojekte war die Ausstellung „Words of Stones: An experiment in reading and conveying the legacy of Qala Quraysh“

Was war bisher Dein schönstes Projekt?

Eines meiner persönlichen Lieblingsprojekte war die Ausstellung „Words of Stones: An experiment in reading and conveying the legacy of Qala Quraysh“ in der St. Petersburger Eremitage. Die Ausstellung zeichnete die Geschichte von Qala-Quraysh, einer der ältesten islamischen Siedlungen in Dagestan, anhand der Grabsteine auf dem Moscheefriedhof nach. Das Interessante dabei war es, dass kein Objekt aus der antiken Ausgrabungsstätte in das Museum gebracht wurde, da diese zu leicht beschädigt worden wären. So haben meine Kollegen exakte Nachbauten mit einem 3D-Drucker erstellt, die im Museum entsprechend mit Projektions-Mapping optisch an die Originale angeglichen wurden. Mein Job war es, das gesamte Lichtdesign für diese Ausstellung zu entwerfen.

Das klingt nach einer ganz schönen Herausforderung. Wie lange hast Du dafür gebraucht?

In Russland laufen die Dinge etwas anders als in Deutschland ab (lacht). Die Aussteller kamen einen Monat vor Beginn der Ausstellung auf mich zu und wollten von mir, dass ich in dieser sehr kurzen Zeit ein Konzept entwerfe, welches pünktlich zur Ausstellung fertig installiert sein sollte. Dieser Monat hatte es wirklich in sich und ich habe bei der Installation sogar selbst mit Hand angelegt, um das Projekt pünktlich abzuschließen. Am Ende hat alles geklappt und die Ausstellung konnte wie geplant starten.

Was macht Dir in Deinem Beruf am meisten Spaß?

Lichtkonzepte zu entwerfen ist das eine, da man hier seine Visionen einbringen kann. Wenn dann alles fertig ist, ist man schon ein bisschen stolz darauf, das finale Projekt zu sehen. Am meisten Spaß macht es mir jedoch, mein Wissen zu teilen. Als ich noch in Russland lebte, habe ich an der Moscow Architecture School (MARCH) mehrmonatige Seminare zum Thema Lighting Design gehalten. Mittlerweile ist das aber nur schwer mit dem Beruf unter einen Hut zu bringen, aber ich habe mit der Universität eine Lösung gefunden. Einmal im Jahr halte ich in Moskau nun mehrtägige Workshops zum Thema, wodurch ich weiterhin mein Wissen mit den interessierten Studenten teilen kann.

Du wurdest als einer der „40 under 40 Class 2020“ des Lighting-Magazines ausgezeichnet. Wie kam es denn dazu?

Irgendjemand, und ich habe bis heute nicht herausgefunden wer, hat mich für diesen Award angemeldet. Ich habe dann Nachweise über meine Tätigkeit und ein Projekt eingereicht. Ich habe ehrlich gesagt überhaupt nicht mehr daran gedacht, als ich Ende März plötzlich die E-Mail bekam, dass ich unter den Top 40 bin. Ich habe mich natürlich riesig darüber gefreut, denn so eine Auszeichnung bekommt man ja doch nicht alle Tage! Die Preisverleihung ist aktuell aufgrund des Coronavirus auf den November verschoben worden. Wenn sie dann tatsächlich stattfinden sollte, freue ich mich schon die anderen Gewinner kennenzulernen.

Hast Du abschließend noch ein paar Tipps für Studenten?

Als ersten Tipp empfehle ich Studenten die Möglichkeiten des Praxissemesters voll auszunutzen. Ein Praktikum zeigt einem, was man im Alltag von dem Job erwarten kann und man bekommt ganz andere Eindrücke, als in der Theorie. Ein weiterer Tipp, vor allem im Bereich Lighting Design, ist es seinen Horizont zu erweitern. Sprich, nicht nur das Hauptfach im Fokus behalten, sondern auch die verwandten Themen. Lighting Design im Speziellen ist, meiner Meinung nach, eine Mischung aus Kunst und Engineering. Es kommen viele verschiedene Aspekte in einem Lichtkonzept zusammen, von den Inhalten, über die audiovisuellen Installationen bis hin zu Building Automation und KI-unterstützte Systeme. Gerade letzteres ist ein sehr dynamisches und interessantes Themengebiet, da Künstliche Intelligenz immer mehr Anwendungen in der Lighting Branche findet.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Networking. Bleibt im Kontakt mit Euren Geschäftskontakten, man weiß nie, wann man sich wieder trifft. In Zeiten von Social Media ist das auch nicht allzu schwer und ich habe bemerkt, dass gerade in der deutschen Lighting Branche LinkedIn sehr beliebt ist.

Wir führen dieses Interview auf Englisch. Ist die Sprachbarriere ein Problem im Alltag?

Ich bin gerade dabei, mein Deutsch zu verbessern und es geht voran. Ich verstehe das meiste bereits, doch das Sprechen, vor allem auf Fachebene, fällt mir noch etwas schwer. Da ich beruflich hauptsächlich mit Architekten zu tun habe, die Englisch sprechen, ist es schon okay. Mein Ziel ist jedoch ganz klar mein Deutsch so zu verbessern, dass ich auch in dieser Sprache mit den Leuten auf Fachebene kommunizieren kann.